„Niemand wie Bier!“

TEBE Fanturnier Berlin 30.06.2012 IMG_8990

Fans des VfL zu Gast beim TeBe-Fanurnier. Für das zugehörige Fanszine wurde folgende Selbstdarstellung verfasst:

„Niemand wie Bier!“

Wenn man im ostdeutschen Provinzkaff Halle lebt und keine Lust auf den stinkenden Vorzeigeverein der Stadt hat und man aber dennoch Fußball schauen und dabei Bier trinken möchte, gibt es nur eine Alternative. Der VfL Halle 96 spielt – den Insolvenzen der Ligakonkurrenten zum Dank – nach wie vor in der Südstaffel der Oberliga Nord-Ost. Vor einer Gänsehautkulisse von 70 bis 150 Zuschauern spielt die Mannschaft gegen den Aufstieg. Mit dem Aufstieg des FSV Zwickaus und den Eisenbahnern aus Leipzig dürfte das nächste Jahr kaum ein Spiel vor mehr als 200 Zuschauern stattfinden. Genau in dieser Tristesse fühlen wir, die Fans des VfL, uns sehr wohl. Unbeeindruckt von sportlichem Misserfolg und leeren Rängen findet sich regelmäßig eine kleine, kreative und sangesfreudige Fanszene zusammen. Hin und wieder werden optische Mittel eingesetzt, um ein klein wenig vom Geschehen auf dem Rasen abzulenken. Als Einlaufchoreo haben sich bei uns Schnipsel und Kassenrollen etabliert. Im Laufe der Zeit haben wir ein großes und einfallsreiches Repertoire an Liedern entwickelt, die gerne, aber meist nicht besonders ausdauernd, gesungen werden. Inhaltlich geht es bei den Gesängen neben der Mannschaft häufig um Bier oder um selbstironische Persiflagen. Zum Beispiel pflegen die Fans vom Glauchaer Verein (dieser heißt wohl „HFC“), uns als „Affen“ zu beleidigen. Daraufhin entwickelten sich diverse Lieder, in dem wir diese Bezeichnung adaptieren. Auch ist es uns wichtig, darauf hinzuweisen, dass „Pilsbiertrinker […] keine Verbrecher [sind]“. In der Fanszene des „VfL“ gibt es keine Ultras (wir brauchen keine Capos, Jugendorganisationen, Vorsänger, straffe Hierarchien, Kloppereien und den dazugehörigen Pathos) oder andere organisierte Fanclubs. Vielmehr sind es lose Zusammenhänge, die unter verschiedenen Begriffen wie „Zoofront“ oder „Sufftras 96“ zusammengefasst werden. Seit einer Weile wird auch, unserer Lieblingsspeise am Zoo-Ground huldigend, von der „Barra Brawu“ geredet. Viele der Fans sind eher links geprägt; grundsätzlich spielen politische Statements allerdings keine Rolle. Nicht als Politik sondern als Selbstverständlichkeit begreifen wir dagegen das Eintreten gegen Nazis, sofern sie sich im Stadion als solche zu erkennen geben bzw. Propaganda betreiben. Zum Glück sind wir meist von solchen Deppen verschont geblieben, da sie den anderen Verein in Halle, ungleich und auch zurecht anziehender finden. Während sich die „Saalefront-Ultras“ vom „HFC“ eher wenig für uns interessieren, ist es vor allem deren Nachwuchsorganisation, die „Jugendbande“, die gelegentlich beim „VfL“ vorbeischaut. Da viele ihrer Mitglieder im gesamten Stadtgebiet Naziaufkleber verteilen, antisemitische Graffiti sprühen und Nazilieder grölen, zählen sie nicht zu unseren beliebtesten Gästen. Eher sporadisch sehen wir uns dazu veranlasst, uns gegen Nazis zu positionieren. Wenn aber zum Beispiel die Zweitvertretung des „VfL“ gegen den „BSC Laucha 1899“ spielt, lassen wir es uns nicht nehmen, gegen diesen Verein zu pöbeln, in dem lange Jahre der NPD-Funktionär Lutz Battke liebevoll gegen Kritik von außen in Schutz genommen wurde. In diesem Dorf, in dem die NPD regelmäßig von ca. 25 Prozent der Eingeborenen gewählt wird, zeigten wir Tapeten, in dem wir äußerst subtil unseren Unmut über die Situation zum Ausdruck brachten („Ihr seid alle Battke“, „NPD Laucha 1899“ und „Laucha stinkt“). Beim Rückspiel in Halle wurde dann nachgelegt („Bomben auf Laucha“); das Spiel wurde dann aufgrund eines hypernervösen Schiedsrichter allerdings fast abgebrochen.
Zentrale Aspekte unserer Fankultur sind Saufen und Bier. Regelmäßig geht es allerdings auch um guten Support, der nicht immer besonders verbissen und bierernst daherkommt. Die Unterstützung des Teams, gerade wenn es nicht besonders gut läuft, ist uns sehr wichtig. Lose Kontakte pflegen einige der Leute, die schon länger zum „VfL“ gehen, zu den Fans des „Wuppertaler SV“, nicht zuletzt deswegen, da man die gleichen Farben und den gleichen Stadionnamen („Stadion am Zoo“) hat. Außerdem besteht ein gutes Verhältnis zu den Fans von „Rasenballsport Leipzig“ und dem „Roten Stern Leipzig“, denen wir übrigens bei diesem Turnier eine schmachvolle, ja historische Niederlage bescheren werden. Grundsätzlich haben wir zu keinem Verein ein ausgesprochen feindseliges Verhältnis; wenngleich wir auch unsere Lieblingsgegner haben. Dazu zählt auf jeden Fall der „1. FC Lok Leipzig“. Wir entschieden uns daher, gerade in Anbetracht der dortigen Fanszene, das Heimspiel gegen den ungeliebten Konkurrenten für unsere Aktion „Fußballfans gegen Homophobie“ auszuwählen. Zum Zeigen des Banners der Kampagne hielten wir Tapeten hoch, auf denen wir „Halle bleibt zart“ (Nein, der Spruch ist nicht geklaut ;)) forderten und unzählige Seifenblasen produzierten. Auf einem Flyer wurde der Hintergrund der Aktion beleuchtet, was aber angesichts des Gästeanhangs selbstverständlich ohne Erfolg bleiben musste (Lok sang; „Schwuler, schwuler VfL“ – wir ebenfalls).

Da ärgerlicherweise jede Form von Pyrotechnik im Stadion verboten ist und wir uns keine finanziellen Strafen leisten können, sahen wir uns gezwungen, legale Alternativen zu entwickeln. So ließen wir zeitgleich Bäckertüten knallen, die zwar nicht so schallern wie ordentliche „La Bombas“, aber trotzdem gut Krach machen. Als wir dies bereits 2010 machten, schrieb ein Schiedsrichter ins Spieleprotokoll, dass Knallkörper gezündet wurden. So zeigten wir daher nach dem zeitgleichen Knallen von Bäckertüten ein Spruchband mit der Aufschrift: „Papyrustechnik ist kein Verbrechen“.

Insgesamt ist die Fanszene des „VfL“ sehr klein, aber sympathisch und einfallsreich (Eigenlob ist durchaus erlaubt). Zum Bier trinken und in Gesängen frei zu assozieren – die Grenzen des Niveaus haben wir noch nicht austariert – ist ein Besuch des „Stadions am Zoo“ durchaus lohnenswert. Und das ist auch gut so.

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